– Ein Erlebnisbericht des stellvertretenden BLN-Vorsitzenden Hans-Georg Lilge


Mitte Juli veranstaltete die EVIM-Jugendhilfe in der interkulturellen Wohn- und Jugendwohngruppe ihren Tag der offenen Tür.
Dabei erhielt ich viele Informationen über „Flüchtlinge in Neuhof“, auch mit kritischem Blick auf die Ereignisse in Orlen. Entsprechend gespannt war ich daher auf die erste Begegnung mit „unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen“, wie es im Amtsdeutschen heißt.
Ich fragte mich vor Ort, wie die Jugendlichen im Alter zwischen 16 und 18 Jahren unbegleitet nach Neuhof gekommen sind und erhielt folgende Antwort von den Betreuern: Entweder kamen die Jugendlichen durch Schleuserbanden nach Deutschland und wurden hier aufgegriffen oder sie „strandeten“ auf verschlungenen Wegen in Deutschland. Eine staatliche Clearingstelle (= eine Einrichtung zur Koordination und Schlichtung zwischen verschiedenen Institutionen, Trägern und Angeboten) kümmert sich zunächst um sie, bevor sie dann an verschiedene Flüchtlingsunterkünfte weitervermittelt werden.

Aber zurück zur Orchideenstraße. Zurzeit leben dort sechs junge Männer und zwei junge Frauen. Die Männer kommen aus dem Kosovo, Albanien, Algerien und Äthiopien, die Frauen aus Äthiopien und Somalia. Die Gründe, nach Deutschland zu kommen, sind vielfältig. Das Ziel ihrer Unterbringung in der Jugendgruppe Neuhof ist klar: Ein „außenbetreutes Wohnen“ ist in Arbeit, d.h. die Selbständigkeit dieser jungen Menschen soll in unserem Land gewährleistet sein.
Zur Erklärung: Dabei gibt es allerdings einen Haken: Die soziale Betreuung, hier verantwortet von der EVIM (Jugendhilfe) läuft unabhängig vom rechtlichen Asylverfahren. Mit einer Art Sprichwort erklärt: Was die linke Hand richtet, kann durch die rechte Hand zunichte gemacht werden. Die Chance, hier in Deutschland ein neues Leben ohne Krieg zu beginnen, kann dadurch zur Tragödie werden. Die soziale Integration hat Erfolg, das Asylrecht wird jedoch verweigert und es kommt zur Abschiebung. – Am Ende ist alles Recht, kommt einem aber wie Unrecht vor.
Zurück zu den Jugendlichen in Neuhof: Die jungen Menschen werden 24 Stunden am Tag, 7 Tage in der Woche betreut. Das bedeutet also rund um die Uhr. Der sogenannte Betreuungsschlüssel ist 1:1,8. Dabei kommt auf eine/n Betreuer/in 1,8 Jugendliche. Bei den Betreuern sind jedoch durchweg Fachkräfte eingesetzt, darunter Erzieher/innen, Sozialpädagogen/innen oder Pädagogen/innen sowie Hauswirtschafter/in. In der überwiegenden Zahl sind Frauen in der Neuhofer Wohngruppe am Werk, das manchmal mit den standesbewussten Männern aus den unterschiedlichen Kulturen nicht ganz einfach ist.
Wir in Neuhof haben von der Einrichtung dieser interkulturellen Jugendwohngruppe bislang wenig gemerkt, abgesehen vielleicht von den unmittelbaren Nachbarn.
An dieser Stelle gebührt dem SV Neuhof ein großer Dank, dass er einige männliche Jugendliche kostenfrei in der Fußballmannschaft mitkicken lässt. Sicher ein gutes Beispiel, wenn nicht sogar ein Vorbild. Denn nichts ist schlimmer, als dass die Jugendlichen tatenlos den Tag verbringen müssen und das Gefühl entwickeln müssen, gar nichts (legal) tun zu können.
Daher wäre es aus meiner Sicht wünschenswert, wenn die in Neuhof ansässigen Unternehmen einen Ausbildungsplatz möglich machen würden, um diesen jungen Menschen eine Grundlage für ihr zukünftiges Leben zu schaffen.
Denn wenn sie eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten, könnte es für das Unternehmen eine Fachkraft mehr bedeuten. Für die Jugendlichen wäre das eine (berufliche) Aufgabe, in der sie nicht nur eine tägliche sinnvolle Beschäftigung hätten, sondern sich auch in die (deutsche) Gesellschaft aktiv integrieren können.
Für den Fall, dass sie dann tatsächlich abgeschoben werden sollten  - was jedoch während einer Ausbildung nicht möglich ist -  gehen sie zumindest mit einer qualifizierten Grundlage für ihr zukünftiges Leben in ihre alte Heimat zurück.
International nennt man ein solches Verhalten übrigens Corporate Social Responsibility  -  die Verantwortung für die soziale Umwelt.

 

Das Betreuungsteam (von links): Paul Gleibmann, Leiterin Sandra Böck, Claudia Weiß, Dorothee Klee, Maren Oehring und Golden Retriver „Carlos“. Da die dort wohnenden Jugendlichen noch minderjährig sind, werden Fotos von diesen nicht veröffentlicht.